“Nach der Konferenz ist vor dem Realitätsabgleich.”
Stand vielleicht so als Notiz am Rand meiner Seite 7 der 11-seitigen Notizenschlacht. Wer weiss…
Ich war auf der Futuromundo 2025. Eine Konferenz für Neugierige, Zukunftsromantiker:innen und solche, die bei Buzzwords wie „Generative AI“, „Speculative Design“ oder „low-altitude economy“ nicht gleich der Angstschweiss fliesst. Und ich sag’s gleich vorweg: Es war ein Fest für die Gehirnwindungen – und manchmal auch ein bisschen wie in einem sehr intellektuellen Escape Room. Nur ohne Zeitdruck. Und leider ohne Snacks… Respektive mussten man selber organisieren, und dann kann man über sich selbst jammern wenn die Snacks ungenügend waren. xD
Neugier ist keine Kindheitserkrankung
Katharina Ehrenmüller eröffnete die Konferenz mit einer Keynote, die den Begriff „Neugier“ von seinem Kinderspielplatz befreite. Zwei Sorten Neugier stellte sie vor: die perzeptuelle („Oh, da blinkt was!“) und die epistemische („Wie funktioniert eigentlich dieses Blinken?“). Spoiler: Für Innovationen brauchen wir beide – aber vor allem letztere. Wichtige Erkenntnis:
„Je mehr wir wissen, desto weniger neugierig werden wir.“
In vielen Firmen ist Neugier verdächtig. Wer fragt, gilt als inkompetent. Dabei sind Fragen wie Dünger für neue Ideen. Katja Meinecke-Meurer stellte uns dann die Frage aller Fragen: „Was ist das Verrückteste, das du je aus Neugier getan hast?“
Zwischen Deepfakes und Dinosauriern
Philippe Longchamps präsentierte ein Deepfake von sich selbst. Und ich schwöre, es war so gut, dass ich mir kurz Sorgen machte, ob meine eigene Präsentation im Büro von den Zukunftserkenntnissen der Futuromundo ein paar Wochen nach der Futuromundo echt sein könnte… Spass. Aber krass, was heute möglich ist. Es ging um Critical Thinking – und wie dringend wir es brauchen. Besonders im Zeitalter von generativer KI, TikTok-Psychologen und astrologischen Aktienprognosen.
Longchamps zeigte uns auch, wie leicht wir kognitive Verzerrungen übersehen. Mein persönlicher Favorit: Der Dunning-Kruger-Effekt, ein auch in der Gen Z resp. TikTok-Gen weit verbreitetes Phänomen wie „Zwei YouTube-Videos später bin ich Astrophysik-Experte“. Nobelpreisträgerinnen sind da viel bescheidener. B
Benchmarks, die nach Kuchen schmecken
Im Panel zum Thema „Future Positive“ ging’s um Anti-Fragilität und das Lernen durch Instabilität. Mein Lieblingssatz: „Deutschland hat Angst vor Instabilität – aber Innovation entsteht genau dort.“
Ein anderes Thema war Benchmarking. Das muss man aber immer differenziert betrachten und auf das eigene System (z.B. Organisation oder Projekt) zu adaptieren wissen.
Anders gesagt:
„Benchmarking ist wie Kuchenbacken. Nur weil du das Rezept hast, wird’s bei dir nicht automatisch wie bei Oma.“
Ein Highlight: +màsColonia zeigt, wie smarte Städte durch Mut, Diversität und Experimente entstehen. Es erinnerte mich daran, wie oft wir im Business lieber optimieren statt ausprobieren…
Heilbronn, der neue KI-Spielplatz
Dann stellte Tim Schmitt das IPAI vor – den Innovationspark für Künstliche Intelligenz in Heilbronn. 30 Hektar, ein Campus, der KI nicht nur denken, sondern anwenden will. Firmen ziehen ihre AI-Offices dorthin. Ich stellte mir kurz ein Zukunftsszenario vor: KI-Firmen mit fancy Balkonpflanzen und KI-WG-Partys. Why not?!
Maximilian Schmierer brachte dann die Avatare ins Spiel – in AR, als Service-Personas, zur Kommunikation mit Bürger:innen. So à la: „Stell dir vor, dein Stromanbieter-Avatar erklärt dir deine Rechnung – und du verstehst’s.“
Jetzt hast du den Salat
Jedrzej Cichocki, der Mann mit dem Zungenbrecher-Namen und er sich deshalb einfach als “Jay” vorstellte, sprach über Kleinblatt, Deutschlands erste Open City Farm. Zero-Waste. Frisch. Lokal. Nachhaltig. Geil!
Was mich gepackt hat: Die Verbindung von Stadt, Natur und Gemeinschaft. Essen wird dort zum Erlebnis, zur Verbindung, zur Bildung. Und für mich eigentlich eine ziemlich gute Metapher:
„Innovation ist wie Landwirtschaft – sie braucht Pflege, Geduld, Feedback und guten Boden.“
inspiique.ch
Kinder denken anders – und das ist gut so
Dominik Bär und Bernhard Hanel zeigten, wie Kinder Städte sehen. Keine linearen Wege von A nach B. Keine Fixierung auf Sicherheit und Struktur. Sondern Vertrauen, Spiel und Selbstwirksamkeit.
Anekdote: Ein Kind fragte, warum man in der Stadt nicht einfach überall spielen dürfe – es sei ja Platz genug. Für die “Grossen”: „Warum darf in Projekten nicht einfach überall gedacht werden? Es ist ja Raum genug.“
KI, Skills & das Ende der linearen Karriere
Nach ein paarn Semestern Industriedesign und Designgeschichte konnte ich mich einem Innovationsvortrag aus dem Hause vitra nicht entziehen. Spannend: „Wir sind die letzten CEOs, die nur mit Menschen arbeiten.“ Die nächste Generation wird mit Robotern aufwachsen. Robot Natives nach den Digital Natives. Skills wie Anpassungsfähigkeit, emotionale Intelligenz und digitale Souveränität werden wichtiger als Abschlüsse.
Und David „Shingy“ Shing? All the way down to „No passengers, all crew!“ Alle müssen mitrudern. Kein Zuschauen. Kein Silo-Denken. Kein Warten auf Freigabe. Jetzt ist die Zeit!
Wenn deine Chef:in plötzlich KI ist
Katrin J. Yuan lud uns in eine Zukunft ein, in der dein nächster Chef oder deine nächste Chefin einfach KI ist. Der Einstieg war meditativ und aufgebaut wie eine Achtsamkeitsübung, der Mittelteil ein Albtraum und das Ende eine ziemlich gute Einladung zum Handeln.
Organisation als Netzwerk, nicht als Pyramide
RenDanHeYi – das Managementmodell von Haier, vorgestellt von Björn Ognibeni – ist wie Lego für Organisationen. Viele kleine Micro-Enterprises. Viel Verantwortung. Viel Kundennähe. Irgendwie Organisationsdesign trifft Plattformökonomie. Ich hatte gleich viele Ideen für Re-Org-Projekte. Brr… wirklich?
Menschen + Maschinen = HMx
Ricardo dos Santos Miquelino zeigte mit HMx, wie Mensch und Maschine gemeinsam Innovation treiben. Nicht gegeneinander. Nicht nacheinander. Sondern synchron. Key Message: „Gestalte kollektiv – mit KI. Dann wird’s 5x erfolgreicher.“
Please. Be. Stupid.
Dirk Ploss von Beiersdorf hielt einen Vortrag, der für mich der beste des Tages war. Sein Zitat: „Please: Be stupid. Stupid might fail. But Smart doesn’t even try.“ Innovation ist kein Planspiel. Es ist Chaos mit Richtung. Schon krass, dass man innerhalb einer Woche mit etwa 15 verschiedenen KI-Tools eine Marke aus dem Boden samt KI-Influencer:innen zaubern kann, die es dann in einer Niche mit Beiersdorf (Nivea und so) aufnehmen kann. Ich fragte mich und nun dich: „Was war meine letzte richtig dumme, aber gute Idee?“
Und was war da noch?
Die letzten Beiträge vermischten sich mit Müdigkeit, Gedankenstürmen und Gesprächen im Stehen.
Anders Indset philosophierte über „Quantum Economy“.
Christa Uehlinger erklärte, warum Vielfalt kein „Nice-to-have“ ist, sondern Methode.
Und die Party danach? Nun ja. 1000 Plätze. 50 Leute. Davon 20 Helfer. Der Rest – vermutlich schon auf dem Heimweg ins reale Leben. Dafür war da noch eine kleine Meute auf dem Kessel Festival. Guter Abschluss also.
Was bleibt?
- Neugier ist keine Kindheitserkrankung.
- KI ist real – aber kein Ersatz für Haltung.
- Vielfalt ist Treibstoff.
- Und Innovation beginnt da, wo jemand fragt: „Was wäre, wenn…?”
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